Die Dynacord Großverstärker MV75 und MV120

Der Begriff „Großverstärker“ ist zwar nicht wirklich eine sehr präzise Bezeichnung für einen bestimmten Verstärker-Typ, aber bei diesen beiden Boliden trifft er durchaus den Nagel auf den Kopf. Die nackten Zahlen zum Einstieg in das Thema:

Breite: ca. 52 cm
Tiefe: ca. 35 cm
Höhe: ca. 22 cm
Gewicht: 23,5 kg (MV120) bzw. 23 kg (MV75)

Roadies hatten besser gut gefrühstückt, wenn sie diese „Goldbarren“ aus den späten 50er Jahren bewegen mussten.

Die Dynacord Mischverstärker MV75 und MV120               Foto: Tim Frodermann
Die Dynacord Verstärker MV75 und MV120                                                        Foto: Tim Frodermann

Um was handelt es sich bei den MV-Verstärkern?

„MV“ steht für Mischverstärker und damit stellen Sie ungefähr die Vorläufer dessen dar, was wir heute als P.A. bezeichnen würden. In den späten 50er Jahren wurden Veranstaltungen in größeren Sälen, vor immer größerem Publikum immer wichtiger, dicht gefolgt vom Aufkommen der „Bands“ oder „Groups“ ab den frühen 60er Jahren.

Verbunden mit der sich parallel abspielenden Elektrifizierung von Gitarre und Bass brauchten auch Sänger – im Plural – eine kraftvolle und gut klingende Verstärkungsoption für ihre Stimmen, damit sie nicht im Hintergrund untergingen.

Auch wenn mal keine Band auftrat, wollte eine Tanzveranstaltung mit Musik von Platte beschallt werden, inklusive der Option eines Conférenciers, der mit dem Mikro durch den Abend begleitete.

Diese Aufgabe sollten die Mischverstärker bewältigen, die mehrere in ihrer Lautstärke separat regelbare Kanäle hatten, idealerweise auch mit eigenen Klangstellern für jeden Kanal, sowie Eingängen für Mikrofone, Plattenspieler und in einigen Fällen auch für den Anschluss von Rundfunkgeräten.

Foto: Tim Frodermann
Die drei Mikrofoneingänge des Dynacord MV120 sind umschaltbar und damit anpassbar auf (Kristall-) Mikrofone hoher Impedanz (1 Mohm) oder solche niedriger Impedanz (200 Ohm), typischerweise also dynamischer Mikrofone.                                                                                              
Foto: Tim Frodermann
Foto: Tim Frodermann
Rechts daneben drei weitere Eingänge: TB für „Tonbandgerät“, Ta für „Tonabnehmer“ (Schallplattenspieler) sowie Rdf für Rundfunkgeräte/Radios.                          
Foto: Tim Frodermann

Abgerundet wurde das Ganze mit hoher Ausgangs-Leistung und der Anschlussmöglichkeit für einzelne Lautsprecherboxen oder eine Reihe von ELA-Lautsprechern (100 Volt Anschluss).

Lautsprecheranschlüsse des Dynacord MV120: Hierbei handelt es sich um Flachstecker-Lautsprecheranschlüsse einer schon lange nicht mehr gebräuchlichen Norm. Wer keine passenden Stecker mehr auftreiben kann, kann sich mit Bananensteckern behelfen – die passen hier auch.
Foto: Tim Frodermann

Zeitliche Einordnung

Bereits in der ältesten mir verfügbaren Preisliste von Dynacord aus dem Mai 1957, finden sich zwei Verstärker namens STV75 und STV120.

Hierbei handelte es sich aber noch um kleinere Geräte mit nur zwei Kanälen, auch erhältlich in Ausführungen /R mit eingebautem Rundfunkempfänger.

Das Design deutet aber schon in Richtung der MV-Geräte.

MV75 und MV120 tauchen dann erstmals in den Preislisten des Folgejahres 1958 auf, z.B. in der Preisliste Nr. 8a von April 1958 und dem dazugehörigen Beiblatt.

Interessanterweise wird der MV75 hier als ultralinear bezeichnet, ich kann auf den Schaltplänen beider Geräte jedoch keine ultralineare Endstufe erkennen. Eventuell hat man 1958 hierunter noch etwas anderes begriffen als heute.

Im obigen Dokument wird die unglaubliche Anzahl von Röhren bereits angesprochen, das schauen wir uns gleich noch etwas genauer an.

Die Verkaufsgeschichte von MV75 und MV120 läuft noch einige Zeit parallel zu ihren STV-Vorläufern, diese tauchen in der 1960er Preisliste noch auf, danach habe ich keine Belege mehr für die STV-Serie.

Der MV75 taucht in den 1963/64er Geräte-Programmen nicht mehr auf, sein großer Bruder MV120 jedoch wird noch bis ins Jahr 1966 angeboten, danach war sein etwas „klassisches“ Aussehen nicht mehr En Vogue: Im selben Jahr brachte Dynacord nämlich die modernen Kassettengehäuse-Geräte Eminent 1 und Eminent 2 heraus.

Die Röhren

Zum Abschluss dieser Übersicht schauen wir uns noch die Röhrenbestückung von MV75 und MV120 an – es sind nicht weniger als 14 (MV120) bzw. 15 Stück (MV75) !

Foto: Tim Frodermann
Röhrenbestückung des Dynacord MV75: Links die Vorstufenröhren, rechts die Gleichrichterröhren (!) und die Endstufenröhren in der Mitte.                                                          
Foto: Tim Frodermann

Röhrenbestückung des Dynacord MV75:

  • 3x EF86
  • 3x ECC83
  • 2x EL34
  • 6x EZ81
  • 1x EM84

Röhrenbestückung des Dynacord MV120. Obwohl sich die Anzahl der Endstufenröhren im Vergleich zum MV75 verdoppelt hat, haben wir in Summe eine weniger! Der Trick ist der Einsatz von zwei GZ34 Gleichrichterröhren, die erheblich mehr Strom liefern können als die EZ81.
Foto: Tim Frodermann

Röhrenbestückung des Dynacord MV120:

  • 3x EF86
  • 1x ECC83
  • 1x ECF83
  • 1x ECC81
  • 4x EL34
  • 2x GZ34
  • 1x EZ81
  • 1x EM84

Ein „Poor Boy“ darf man bei so einer umfangreichen Röhrenansammlung sicherlich nicht sein: Wenn man einen kompletten Satz zu den heutigen Marktpreisen neu kaufen müsste, dann läge man sowohl beim MV75 als auch beim MV120 bei ungefähr 350-370€ !

„Die Lords“ spielen bei einem Fernsehauftritt im Beat Club, im Jahr 1966, ihren großen Hit „Poor Boy“. In der Mitte der vier Lords sieht man am Boden einen Dynacord MV stehen – ob ein 75 oder 120, ist von vorne ohnehin nicht zu unterschieden. Rechts daneben sehen wir aber ein Dynacord Echocord Bandecho, am rechten Bühnenrand zudem zwei Dynacord Lautsprecherboxen.

Quelle: Beat Club, https://youtu.be/ZwAe6CCqwUc?si=N4u1B0QHJK1YRUQe

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